6.6

Netzwerk

Wie Der Spiegel heute berichtete, ist es den Forschern Leskovec und Horvitz einwandfrei gelungen, die alte These von Milgram zu beweisen, dass jeder Mensch jeden anderen durchschnittlich über 6.6 Ecken kennt. 6.6 ist natürlich ein Mittelwert. Doch man sollte einen Moment innehalten und realisieren, dass wir hier eine ganz bedeutende Tatsache vor uns haben.

Es gibt ‚Superspreader’ die im Verhältnis zum Mittelwert zu mehr Menschen in Kontakt stehen und sozial Faule, die zu weniger Menschen Kontakt haben. Jack Nicholson sagte einmal in einem Interview, dass er an einem Tag wahrscheinlich mehr Leute kennenlernt, als manche in ihrem ganzen Leben. Das glaube ich gerne.

Wenn ich das auf meine eigene Wirklichkeit anwende, ‚kenne‘ ich die folgenden Superspreader:

Dr. John C Lilly um eine Ecke,

Timothy Leary jeweils zweimal um eine Ecke,

Robert Anton Wilson jeweils zweimal um eine Ecke,

Aleister Crowley um zwei Ecken,

Ken Wilber um 1 Ecke,

Jim Morrison um eine Ecke,

Jimi Hendrix um eine Ecke,

Wobei ich betonen sollte dass es sich bei den Ecken um jeweils unterschiedliche Personen handelt und dies nur die Fälle sind, die mir jetzt spontan einfallen. (Andererseits kenne ich direkt und im Verhältnis zu anderen nur relativ wenige Menschen. Ich bin eher sozial faul.)

Doch die eigentlich interessante Tatsache liegt in folgendem begründet, und fällt sofort ins Auge, wenn man einmal rückwärts argumentiert.

Angenommen, es gibt diese Konstante in Bezug auf soziale Netzwerke und sein Mittelwert ist 6.6, dann liegt auch die Hypothese nahe, dass Gesellschaft wie ein autopoietisch bzw. homöostatisch sich selbst regulierendes System operiert, dass seine eigene Dynamik hat, welche wir nur bedingt manipulieren können. Denn praktisch hieße dass: Wenn jemand ein Superspreader wird (weil er beispielsweise berühmt wird), dann muss sich das System umgehend wieder auf den Mittelwert von 6.6 gegenregulieren, z.B. dadurch, dass man alte Freunde oder Bekannte aus den Augen verliert und dann mehr zu den sozial Faulen gehört. Andererseits gilt: je mehr sozial Faule oder je mehr Menschen es auf dem Planeten gibt, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit für immer bekanntere Superspreader, die von ganz vielen ‚fast‘ gekannt werden.

Mit anderen Worten: Mit der Arbeit von Leskovec und Horvitz hat das orange Mem bewiesen, wie das grüne Mem funktioniert, nämlich Gesellschaft als ein homöostatisches System, das sich selbst als ein Netzwerk reguliert, und zwar via Kommunikation. Luhmann hatte diese These in einem anderen Kontext auch vorgeschlagen. Nochmal: Man muss das auf sich wirken lassen, um die ganze Tragweite dessen zu begreifen. Denn wenn Gesellschaft sich selbst reguliert, wie frei sind wir wirklich?

Heißt das nicht, dass wir nur bedingt für unsere sozialen Verbindungen verantwortlich sind? Die sozialen Netzwerke binden uns ein. Natürlich können wir uns die Leute aussuchen, mit denen wir etwas zu tun haben wollen. Wir können Beziehungen ablehnen. Doch das Modell sagt diesbezüglich, dass diese Ablehnung zum Teil auch deshalb zustande kommt, weil es ein gesamtgesellschaftliches Erfordernis ist, dass wir bestimmte Beziehungen ablehnen oder sogar vereinsamen.

Wir können uns des Weiteren auch nicht entscheiden, ein Superspreader zu werden. (Wir können auch nur in seltenen Fällen vollkommen selbstreferentiell neue Netzwerke erzeugen.) Denn wenn das ginge und jeder ein Superspreader werden wollte, würde das System aus den Fugen geraten. Das heißt, es gibt eine soziale Komponente, die dazu führt, dass Leute ‚zufällig‘ zu Superspreadern werden, wie beispielsweise George Clooney, der angibt, dass er eben ohne einen Zufall niemals zum Filmstar geworden wäre. Es liegt immer eine Tendenz des Gesellschaftssystems vor, die mit dazu führt, dass manche Menschen zu Superspreadern und manche zu sozial Faulen werden.

Diese Erkenntnis ist auch deshalb so interessant, weil sie ein neues Licht auf die Frage nach Freiheit vs. Determinismus wirft. Natürlich sind wir frei, unsere Taten und Beziehungen selbst zu wählen. Und gleichzeitig sind wir unfrei, unsere Taten und Beziehung zu wählen, weil es Gesellschaft und ihre Tendenzen und Erfordernisse sind, die die Wahrscheinlichkeit für manche Taten, Beziehungen und Netzwerke erhöhen und für andere Taten, Beziehungen und Netzwerke verringern.

Ich glaube, in diesem integralen Zeitalter muss man lernen, mit diesem Widerspruch zu leben.

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WHY SO SERIOUS?

Clement von der SPD gefeuert – ‚Shocking’ wie meine Großmutter im gekünstelten Ton der Entrüstung sagen würde. Aber im Ernst: Wen kümmerts? Wen kümmern die Ränke in der Politik?

Man könnte meinen, dass die deutschen Volksparteien eben auch deshalb ihre Basis verlieren, weil unsere Demokratie und unser Demokratieverständnis disfunktional sind! Denn was soll das für eine Demokratie sein, wenn sich niemand dafür interessiert. Und auf ganz kuriose Weise droht Brechts Forderung in einer ganz anderen Weise real zu werden: Stell Dir vor, es ist Demokratie und keiner geht wählen!

Denn das Problem mit unserer Demokratie ist schlicht, dass sie über 200 Jahre alt und auf den Grundfesten der Monarchie entstanden ist. M.a.W. unsere Demokratie trägt prinzipiell monarchistische Züge in sich. Und diese Demokratie hat sich nicht mit der Evolution von Gesellschaft und Kultur entwickelt! Die Demokratie ist entstanden mit dem Übergang vom blauen zum orangen Mem, um wieder einmal dieses beste aller Entwicklungsmodelle zu zitieren. Doch unsere Gesellschaft hat sich seitdem von Orange zu Grün entwickelt und steht vor den Toren von Gelb. Global Village, Internet, globale Berichterstattung: All diese Entwicklungen, die unsere Kultur grundlegend verändert haben, erfordern nun eine Revolution der Demokratie, erfordern eine komplexere Demokratie. Eine Demokratie, die der Komplexität unseres Alltags gerecht wird. Das Hauptproblem ist nicht Terrorismus (obwohl das auch ein Problem ist). Das Problem ist, dass die Binnenkomplexität des politischen Parteiensystems nicht mehr fähig ist, die Umweltkomplexität aus Gesellschaft, Wirtschaft, und der Medien aufzufangen. Das führt dazu, dass aus den Politikern handlungsunfähige Karikaturen werden, die sich mehr um ihre eigenen Brötchen als um die derer kümmern, die sie eigentlich repräsentieren sollten. Mit anderen Worten: Die Welt wird täglich komplexer und gläsener, so dass ein einzelner Mensch vollkommen überfordert sein muss, um alleine die Regierungsgeschäfte zu lenken. Und sie wird seit 200 Jahren täglich komplexer! Fragen sie sich einmal ernsthaft: Wollen sie unsere Zukunft wirklich einem einzigen monarchisch regierenden Kanzler oder einer Kanzlerin anvertrauen? Glauben Sie, dass dieser Kanzler Ihre Probleme berücksichtigen kann?

Ein Gedankenansatz: Wie wäre es mit 12 demokratisch und vom Bundestag gewählten Kanzlern/Kanzlerinnen, die die Minister nach ihren Fähigkeiten und ihrer Entwicklungsstufe bestimmen und die Richtlinien der Politik der Regierung festlegen. Anforderung an die Kanditaten zur Bundeskanlerschaft sollte dann sein, dass sie ebenso politisch wie psychologisch, soziologisch und wissenschaftlich geschult sein müssten, die sich selbst schon mal einer Therapie unterzogen und mindestens das Gelbe Mem entwickelt haben müssten. 12 Kanzler, die sich darüber bewusst sind, dass, um mit Systemtheoretiker Niklas Luhmann zu sprechen, die Parteien deshalb die politischen Themen erzeugen (müssen), um das System am Laufen zu halten. Denn genauso wie im Wissenschaftsbetrieb Theorien erzeugt werden, um das System der Wissenschaft zu regulieren, zu steuern, etc., erzeugen die Politker Themen nicht primär, um die Welt zu verbessern, sondern um das politische System am Laufen zu halten.

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Meme der Matrix

In Berlin wird gerade der neue Film der Produzenten Larry und Andy Wachowski-Brothers gedreht. In der vagen Hoffnung, dass Ninja Assassin den bunten Speed Racer übertrifft (den ich eigentlich mochte) und auch nur irgendwie an Matrix herankommt, kehren meine Gedanken ein weiteren Mal zu diesem, meines Erachtens nach besten Film der 90er zurück. Und ich frage mich, ob mich der Film deshalb so anspricht, weil alle Meme von Spiral Dynamics deutlich in Matrix herausgearbeitet sind:

Beige: Die Batterie-Felder, die ‚Geburt’ von Neo und seine Rekonvaleszenz

Purpur: Das Orakel

Rot: Natürlich die Action-Szenen

Blau: Agent Smith und seine Schergen

Orange: Die Technik der Nebukadnezar, die Idee der virtuellen Computer-Realität, in die man sich einpluggen kann

Grün: Der Charakter von Neo ist vollkommen Grün: ein Slacker, ein Geek, Computerfreak, der in der orangen Welt keine Passung hat und auf der Suche nach Sinn und Bedeutung ist. Auch die Art der Kommunikation an Bord der Nebukadnezar ist hauptsächlich Grün

Gelb: The One – Neo, der sein wahres Selbst gefunden hat…und natürlich die Idee von drei Welten: Körper (Zion), die Matrix (das Mental), und das Maschinenbewusstsein, im 3. Teil (GEIST)

Türkis: die Idee des Architekten (der m.E. immer noch besser von Sean Connery hätte gespielt werden sollen.)

Übrigens (es ist zwar ein alter Hut, aber es gibt immer welche, die es nicht wissen): Es gibt auf der Site integral naked einen tollen Dialog zwischen Ken Wilber und Larry Wachowski über die Natur der Matrix.

Im Übrigen erlebt Neo in Matrix seinen eigenen ‘critical path’, und was das angeht, hat dieser Film kulturell wahrscheinlich mehr zum Kontingenzbewusstsein beigetragen als das irgendeine Schule oder Universität. Insofern kann ich mich nur Bucky Fuller anschließen und sagen, wenn man sicherstellen will, dass ein Kind verdummt, sollte man es so orientieren, dass es einen akademischen Weg einschlagen will und sich ’spezialisiert’. Denn die orangene Spezialisierung ist eine Möglichkeit der roten ‘power-structures’ (z.B. der herrschenden Klasse, der Regierung oder der blauen Bürokratie), sicherzustellen, dass niemand ein Blick aufs Ganze hat, was nämlich Gelb wäre. Soviel dazu.

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Critical Path

Heute jährt sich die Ersterscheinung von Bucky Fullers berühmtem wie genialischem Spätwerk ‘Critical Path’ zum 27. Mal (ich glaube, es wurde ursprünglich im Januar 1981 veröffentlicht). Also Anlaß genug, um dieses Mamutwerk des ‘Genies des 20. Jahrhunderts’ endlich zu würdigen, etwas, was im deutschen Sprachraum wahrscheinlich zum ersten Mal geschieht (wie auch dieser erste Blogeintrag des Phänomen-Teams). Ob es nun an der von Bucky Fuller beschriebenen ‘West-Ost-Trajektorie’ liegt (die darin besteht, dass sich bestimmte Entwicklungen und Machtstrukturen in der Geschichte immer von Westen nach Osten verschieben und dazu führt, dass Deutschland mal wider Nachzügler in bezug auf Entwicklungen ist, die in Amerika vor zig Jahren en vogue waren), oder einfach an der typisch deutschen Borniertheit: Fakt ist, dass Critical Path (wie insgesamt etwa 90% Fullers literarischen Werkes) nie in Deutschland veröffentlicht wurde.  Wir würden es ja gerne veröffentlichen … aber andererseits: Wer würde es lesen?

Tatsächlich ist Fuller nicht nur ein architektonisches Genie gewesen, auf dessen Entwürfe auch die Raumfahrt gerne zurückgreift, sondern auch ein Visionär, Literat, Erfinder und, folgt man Ken Wilber, einer der wenigen integralen Denker Zweiten Ranges … d.h. im Sinne von Spiral Dynamics war er ein Gelb-Mem-Denker.

Fuller hatte mit ca. 30 Jahren das Experiment begonnen: ‘Was kann ein einzelner Mensch zur Verbesserung der Menschheit bewerkstelligen?’ In konsequenter Manier hatte er sich dann für den Rest seines Lebens diesem Experiment der ‘Verbesserung der Menschheit’ verschrieben und folgte selbst diesem ‘kritischen Pfad’. Ein kritischer Pfad ist, einfach gesagt, ein evolutionärer Pfad, bei dem zwar das Ziel einigermaßen klar umrissen ist, doch die möglichen Zwischenschritte, Probleme und Lösungen nicht klar vorausgesehen werden können. Die Evolution der gesamten Menschheit wie auch eines Einzelnen folgt immer so einem kritischen Pfad, bei dem immer neue Probleme intendiert sind und das Kennzeichen des Wachstums ausmachen.

Live Your Life as an Experiment

Auch wir wollen hier einen ‘critical path’ gehen und ein Experiment beginnen. Mit diesem Blog wollen wir Ereignisse aus der Welt unter der Perspektive der Evolution kommentieren. Mal schaun, welche Probleme dabei auf uns zukommen.

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