Interview mit Alexander Graeff

Die Suche nach dem Gottmenschen

Interview mit Alexander Graeff über sein neues Buch Dazwischen

Alexander Graeff hat ein Buch über den Gottmenschen geschrieben. Es erscheint in Kürze im Phänomen Verlag Hamburg.

Graeff beginnt bei der antiken Philosophie, er gräbt verschüttete Mythen von Misch- und Zwitterwesen der abendländischen Kulturgeschichte aus. Nicht zuletzt will Graeff zeigen, dass es auch nicht-duale Vorstellungen von Gott und Welt gegeben hat. Gewiss sind diese Vorstellungen selten, aber sie können heute erinnert werden. Das philosophische Werk begreift sich als Meditation über den Begriff und die inhaltlichen Konzepte eines Gottmenschen. Diese Figur, die niemand wirklich zu kennen scheint und doch am Menschsein erkennbar wird, entpuppt sich in Dazwischen als soziale Relation zwischen Selbst und Anderen. Noch vor Erscheinen des Buches sprach der Phäno-Blog mit Alexander Graeff über seine Empfindungen und Selbstbetrachtungen nach fast dreijähriger Arbeit am Manuskript.

Phänomen-Blog: Beim Stichwort ‚Gottmensch’ fallen einem sofort zwei Figuren ein: Jesus Christus und Nietzsches Übermensch. Hat Dazwischen mit diesen Figuren zu tun?

Alexander Graeff: Überhaupt nicht! Das Buch ist überaus ‚unchristlich’ und hat darüber hinaus auch recht wenig mit Nietzsches Übermenschen zu tun. Mir ging es in Dazwischen darum, den Gottmenschbegriff jenseits herkömmlicher und oft klischeebeladener Vorstellungen zu untersuchen. Meine Herangehensweise ist mehr mythologisch und kulturgeschichtlich, und auch sehr persönlich.

PB: Inwiefern persönlich?

AG: Ich stelle mich zuallererst mal meinen persönlichen Assoziationen. Dann erst vergleiche ich mit mythologischen Bildern. Ich habe eine Reihe subjektiver Erfahrungen mit dem Konzept des Gottmenschen gemacht. Auf diese Basis stelle ich das neue Buch. Seit über 10 Jahren geistert der Gottmensch durch mein Denken. Er ist für mich daher nicht nur eine kulturhistorische Metapher, sondern auch ein ganz persönlicher Widergänger.

PB: In ein paar kurzen Worten: Was ist denn der Gottmensch?

AG: Ganz kurz: Eine für die Entwicklung des Menschen wichtige Metapher.

PB: Ist deine Herangehensweise an den Gottmenschen theologisch?

AG: Auch nicht. Natürlich denkt man beim Verfassen eines Buches zum Thema ‚Gottmensch’ auch an manche Theologie oder christliche Rezeptionsgeschichte, doch wollte ich mich bewusst mehr den heidnischen Konzepten sowie meinen persönlichen Assoziationen des Gottmenschbegriffes widmen. Außerdem will ich das Nachdenken über Gott, Mensch und Welt mehr im philosophischen und poetischen Diskurs begreifen. Die Theologie war für mich bei der Arbeit an diesem Buch keine brauchbare Referenzdisziplin, weil man in ihr selten die Auffassung findet, die Transzendenz selbst transzendieren zu können. Da musste ich mich mehr an die Mystik halten.

PB: Ist deiner Ansicht nach die Transzendenz transzendierbar?

AG: Ja und Nein. Mich interessiert an dieser mystischen Auffassung mehr die Bewegung hin zu einem Ziel, das frei von vorreflexiven Grenzziehungen, frei von transzendentalen Dogmen gedacht werden kann; auch dann, wenn dieses Ziel unerreicht bleibt. Die Methode des Transzendierens ist mein Thema, weniger die Spekulationen darüber, was ‚Transzendenz’ genau ist. Das bleibt ohnehin oft unsagbar und als ‚okkulter Rest’ zurück.

PB: Der Okkultismus gilt ja immer noch als eine etwas verruchte Hinterzimmerdisziplin, und dennoch verweist Dazwischen auf einen neuen Umgang mit dem Okkultismus. Kannst du dein Interesse am Okkultismus genauer beschreiben?

AG: Ich denke, dass der Okkultismus als Denkfigur – nicht als Weltanschauung! – dienen kann. Die Prämissen, auf denen ein solcher Okkultismus ruht, faszinieren mich sehr. Nicht zuletzt, weil sie in ethischer Hinsicht brauchbar sind. Wenn ich etwa annehme, dass es Dinge in der Welt und im Selbst gibt, die sich der Erkenntnis entziehen, verfalle ich nicht dem Überglauben, alles durchschauen oder beherrschen zu können. Wenn ich andersherum aber festgestellt habe, dass alle Welt um mich herum ohne die Konstruktionsleistung der Subjekt irrelevant wird, und die Subjekt-Objekt-Relation ist überaus ‚okkult’, weil wir nie verstehen werden, was sie wirklich ausmacht, dann werden die Subjekte untereinander und mit den Weltobjekten anders, pfleglicher umgehen. Der Okkultismus zeigt dann, dass es keine exklusiven Zugänge zum Absoluten geben kann, ja das Absolute im Kern auch nur eine Relation ist, über die wir uns wundern, sie erstreben können und darüber schweigen müssen. Eine solche Denkfigur, die indes gesellschaftsfähig wird, forscht zwar an den esoterischen Quellen, wird aber in ihrer Funktion exoterisch sein, sie kann nur exoterisch sein. Denn diese Denkfigur ist für alle! Das hat übrigens schon Madame Blavatsky prophezeit: „In jedem Jahrhundert wird der Versuch unternommen, der Welt zu zeigen, dass der Okkultismus kein anmaßender Aberglauben ist. Ist das Tor erst einmal ein Stück weit geöffnet, dann wird diese Öffnung mit jedem neuen Jahrhundert etwas größer werden.“

PB: Thematisierst du auch deshalb deine Methode des Schreibens im ersten Kapitel des Buches?

AG: Genau. Ich finde, dass die Methode den Inhalt eines Textes, einer Aussage, enorm beeinflusst. Das ‚Wie’, also die Form des Textes, ist mir ungefähr genauso wichtig, wie das ‚Was’ des Textes, sein Inhalt.

PB: Das ‚Wie’ des Schreibens im Text selbst zu thematisieren, ist ja ein sehr postmodernder Schachzug. Überhaupt: Die Lebensreform, der Fin de siècle, das Auftauchen neuer künstlerischer und wissenschaftlicher Formen um die Jahrhundertwende: Inwiefern spiegelt sich all dies in Dazwischen?

AG: Ich würde davon sprechen, dass dies ein moderner Zug ist, kein postmoderner. Lebensreform und künstlerische Avantgarde sind historische Inspirationsquellen für mich, sie sind modern. Bei ihnen kann ich Methoden lernen, die mir sehr entsprechen. Und die Thematisierung des eigenen Schriftstellerseins und -tuns ist auch deshalb modern, nicht postmodern, weil ich um Ausdifferenzierung bestehender Praxen und um Entwicklung einer eigenen Position bemüht bin. Das Projekt „Moderne“ ist ja noch nicht abgeschlossen! Postmodern mag man vielleicht mein synkretistisches Vorgehen beschreiben, obwohl das auch hinkt. Wie ich dem Vorwurf der Beliebigkeit entgegentrete, zeige ich letztlich mit Dazwischen und mit der Forderung, dass Methode und Inhalt verschränkt werden müssen.

PB: Warum ist deine bevorzugte Form die Meditation?

AG: Weil sie für mich eine geeignete Methode des ungezwungenen Stoff- und Assoziationensammelns einerseits und andererseits auch eine gute Methode des Reflektierens darstellt. In der Meditation durchlaufe ich physisch und psychisch mehrere Stufen: vom Zustand der persönlichen Vertiefung ins Thema, über den Prozess des ‚Stream of Consciousness’ (bzw. der ‚Écriture automatique’), bis hin zu jener Stufe, auf der ich von einer Metaebene auf mein Werk blicke, Distanz dazu einnehme, mein Schriftstellerego abschalte, und idealerweise zu einer intersubjektiven Position gelange.

PB: Findet sich in Dazwischen solch eine intersubjektive Position?

AG: Gewiss ist das Buch in erster Betrachtung eine subjektive Philosophie, doch als eine solche Selbstvergewisserung, was Philosophie zweifelsohne sein will, verfolgt sie die Absicht, für Jetzt und Morgen (vielleicht sogar mehr noch für Morgen) höchst anknüpfungsfähig, zukunftsträchtig und bereit für intersubjektive Diskurse zu sein. Wir werden sehen.

PB: Welche Rolle spielt der Konstruktivismus für dich und für das Buch?

AG: Der Konstruktivismus ist für mich als Philosoph eine wichtige Position; mein ganzes Denken ist durch diese Position geprägt. Wenn man sich mit Esoterik, Metaphysik und Mystik befasst, dient der Konstruktivismus meines Erachtens als gute ‚Begrenzungshilfe’. Er zeigt, dass die Sicht auf die Welt nie losgelöst von einem Auge gedacht werden kann. Nicht alle spirituellen und esoterischen Lehren machen sich das deutlich, auch entgegen dem Kerngedanken vieler Weisheitslehren, der ein konstruktivistischer ist.

PB: Du beziehst dich im Buch auf André Breton und den Surrealismus. Ist das auch eine wichtige Referenz für dich?

AG: Die Surrealisten haben in ihren philosophischen und belletristischen Arbeiten eine für mich entscheidende Sicht auf die Welt dargelegt. Sie waren immer offen, ihr Interesse am Unvorhersehbaren bezeugt diese Annahme. Die Surrealisten haben hinter, über oder in den Gegenständen der Welt eine zusätzliche Wirklichkeitsdimension gesehen: eine Sur-Realität. Sie sahen das Schiefe, das Passive, das Okkulte, das, was sich dem rein verstandesmäßigen Handeln entzieht. An surrealistischen Positionen, die übrigens viele Gemeinsamkeiten mit mystischen Positionen aufweisen, gefällt mir die Vorstellung, dass poetische Werke wirksam im alltäglichen Leben sein können und umgekehrt der Alltag auch voller Poesie steckt. Wenn man mit einer solchen Sicht auf die Welt schaut, sieht man noch eine andere Welt, die dabei helfen kann, sich seiner eigenen Konstruktionsfähigkeit – trotz des vorhandenen Okkulten – bewusst zu werden. Handeln und Denken verweist dann auf eine poetische, eine lebenskünstlerische Erscheinungsform des Ichs. Man wird im positiven Sinne multipel und vermag sich auf eine rasant verändernde Welt besser einzustellen.

PB: Verfolgten die Surrealisten einen okkulten Ansatz?

AG: Die Annahme einer Sur-Realität ist eine okkulte Annahme. Hinter dem, was wir Realität nennen, existiert eine Sur-Realität. Das Unbewusste, was zweifellos okkult ist, spielt im Surrealismus eine große Rolle.

PB: Jedes Buch ist ja immer Kommunikationsangebot für die Gesellschaft. Gibt es deiner Meinung nach eine Zielgruppe, bei der das Buch auf besonders fruchtbaren Boden trifft?

AG: Zu einer solchen Zielgruppe gehören ‚aufgeklärte’ Leserinnen und Leser. Mit ‚aufgeklärt’ meine ich hier, dass diese Menschen ein minimales Interesse für die Funktionsweisen von kollektiven Mustern, Common Sense und kulturellem Gedächtnis aufbringen. Diese Leute lieben es, hinter die offensichtlichen Dinge zu schauen, unbequeme Fragen zu stellen und so weiter. Im Grunde spricht Dazwischen Kreative an: Menschen, die gerne konstruieren, diskutieren, inszenieren und interpretieren.

PB: Vielen Dank für das Interview.

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