Gaiananda-Blog: Krise, Crash und Chaos – eine Chance

Ja, die Welt ist im Aufruhr: Nicht nur die Natur geht langsam vor die Hunde, jetzt ist auch noch die Wirtschaft im freien Fall. Dreitausend Milliarden Dollar (Preisfrage: Wieviel Nullen hat diese Zahl?) sollen helfen, den völligen Absturz der US-amerikanischen Wirtschaft noch zu verhindern. Ich glaube jedoch, dass diese Art, mit der Großen Krise umzugehen, nicht helfen wird. Weil das erstens noch viel zu wenig Geld ist, um den ganzen faulen Kreditzauber zu entsorgen; weil zweitens – und das ist noch wesentlicher – ein inneres Umsteuern notwendig ist. Als Beispiel will ich hier meinen Postboten anführen.

Seitdem die gute alte öffentlich-rechtliche Bundespost zur Aktiengesellschaft und zum global player geworden ist, heißt mein Postbote „Zusteller“. Als Postbote verdiente er nicht die Welt, hatte aber viele Jahre einen gemütlichen Job an viel frischer Luft. Als Junggeselle reichte ihm das. Er machte seine Arbeit gern. Als Zusteller verdiente er sodann nicht mehr, aber sein Zustellbezirk wurde plötzlich mehr als doppelt so groß. Jetzt musste er sich täglich hetzen, um seine Arbeit zu schaffen. Früher pfiff er schon mal ein Lied während seiner Arbeit und jeder freute sich, ihn zu sehen. Er kannte sich in seinem Bezirk bestens aus und brachte die Neuigkeiten unter die Leute. Auch im Gemeinderat war er engagiert. Aber diese Zeiten waren dann bei der Deutschen Post AG schnell vorbei. Denn Rolf, so heißt mein Postbote, musste jetzt rennen, immer schneller. „Guck mal, da rennt der Rolf!“, sagte meine Nachbarin mehr als einmal zu mir. Bis er eines Tages umfiel und für Monate in eine Klinik kam. Zuviel Stress, sagten die Ärzte. Gott sei Dank haben sie ihn wieder halbwegs hinbekommen. Seinen Job hat er nur behalten, weil er Beamter war. Die knapp zehn Jahre bis zur Pensionierung wird er noch schaffen, hofft er.

Seit ein paar Wochen rennt Rolf nicht mehr so viel. Die Post sei weniger geworden, die Leute bestellen nicht mehr so viel, sagt Rolf. Die Wirtschaftskrise hat also auch meinen Postboten (ich werde ihn als Geste des Widerstandes weiterhin so nennen) schon erreicht. Und schon rennt er nicht mehr so viel.

Schneller, höher, weiter – das sind die unverrückbaren Glaubenssätze einer neoliberal organisierten Gesellschaft. Arbeiter und Angestelle werden zu „Humankapital“, das nicht mehr entlassen, sondern immer schneller „freigesetzt“ wird. Die Supermärkte quellen über, besonders mit Billigware. 19 Sorten Zahnpasta, Rotwein aus Chile und EU-zertifizierte Bio-Ware aus China gibt es dort ebenfalls zu kaufen. Mein Kleinwagen wiegt mittlerweile über eine Tonne, damit er meine 72 Kilo möglichst gefahrlos über die Autobahn bewegen kann. Ein Flug nach Mallorca kostet mich weniger als eine Bahnfahrt nach Berlin. Und damit wir uns diese schöne neue Welt leisten können, arbeiten die, die Arbeit haben, fünfzig Stunden die Woche. – Ist es das, was wirklich zählt? Wollen wir wirklich so leben?

Ich glaube, dass dies eher eine rhetorische Frage ist. Kaum einer, der sich noch ein bisschen spürt, will wirklich so leben. Deshalb ist der Absturz der Wirtschaft und der neoliberalen Ego-Religion nicht nur für die Natur ein Segen, sondern auch eine Chance, darüber nachzudenken, wie wir zukünftig leben wollen. Denn wir werden uns neu organisieren müssen, nichts wird so bleiben wie bisher.

Vielleicht reichen ja dreißig Stunden Arbeit die Woche (für alle) und das nächste Auto fährt mit Öko-Strom. Vielleicht lernen wir, uns besser zu spüren und gehen an der Junk-Food-Theke immer häufiger vorbei. Vielleicht hilft mehr Zeit für tiefere menschliche Begegnungen mehr als ein Drei-Wochen-endlich-weg-von-der-Arbeit-Urlaub in der Karibik. Vielleicht wachen wir angesichts des heftigen Wirtschafts-Crashs plötzlich auf und sehen klar vor uns, was es heißt, ein menschengerechtes Leben zu führen. Vielleicht sind Optimismus, Mitgefühl, inneres Wachstum und Stille dann Werte, die uns alle ein bisschen verwandeln helfen – und auch mit weniger Geld und Konsum glücklicher machen.

Rolf war neulich unvermittelt auf eine Tasse Tee bei mir. Er fragte einiges über Yoga und will nächste Woche mal in einem Yoga-Kurs „probeturnen“. Ich denke, das wird ihm guttun.

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One Comment on "Gaiananda-Blog: Krise, Crash und Chaos – eine Chance"

  1. admin
    Leser01
    01/03/2009 at 17:06 Permalink

    Hm, das mit dem Postboten ist wirklich erschreckend. Je ersetzbarer ein Arbeiter ist, desto mehr wird er mit den Füßen getreten. Es ist schade, dass genau dies die Gesellschaft zunehmend spalten und die Armut und somit auch die Kriminalität nähren wird. Dass heutzutage selbst dann Menschen entlassen werden, wenn Unternehmen Gewinne machen (Deutsche Bank, Nokia etc.), grenzt an noch größerer Unmenschlichkeit. Meistens sind das Entscheidungen von Managern, die alle paar Jahre “ausgetauscht” werden und wenn ein neuer hinzukommt, wächst der Druck auf maximalen Gewinn, sonst wird auch er “ausgetauscht”, dafür aber mit dicken Abfindungsprämien, Fehler hin oder her… Dies findet hauptsächlich bei börsennotierten Unternehmen statt, da die Aktionäre ebenfalls Mitspracherecht haben und ihr Interesse liegt natürlich hauptsächlich am Geld.

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